Frauen in Informatik und Mathematik

Vor zwei Jahren hatte ich Gelegenheit, ausführlich mit Lenore Blum zu sprechen. Blum ist Informatik-Professorin und hatte beim 3. HLF einen Vortrag über Alan Turing gehalten – und außerdem war sie dafür mitverantwortlich gewesen, den Informatik-Bachelor-Studiengang ihrer Universität, einer der führenden entsprechenden Studiengänge in den USA, aktiv hin zu mehr Ausgewogenheit umzugestalten.

Carnegie-Mellon: Die Transformation

Vor 1995 hatte der Anteil der weiblichen Studierenden, die zum Informatikstudium angenommen wurden, weniger als 10% betragen – und selbst von denen wechselten eine ganze Reihe später das Hauptfach. Mittlerweile liegt der Frauenanteil bei fast 50%, und der Anteil an Studierenden – männlichen wie weiblichen – die das Studium erfolgreich abschließen ist so hoch wie nie zuvor. Der Studiengang ist dabei nach wie vor sehr anspruchsvoll, und die Qualität der Bewerber, gemessen an den in den USA üblichen Testergebnissen, hat sogar zugenommen.

Aber darüber hinaus hat ein nachhaltiger Wandel stattgefunden. Bei der Bewerbung zählen jetzt allgemeinere Qualifikationen mehr als bereits vorhandene Programmierkenntnisse; Mentoring-Programme sorgen dafür, dass die Studentinnen verschiedener Jahrgänge ins Gespräch kommen, und allgemein hat eine Art von Kulturwechsel stattgefunden. (Ich hatte darüber Näheres in den Blogbeiträgen Jenseits des bloßen Programmierens [29. August 2015] und Kulturwechsel [31. August 2015] geschrieben.)

…aber wieweit haben sich die Dinge geändert?

Als ich heute beim HLF erst mit Lenore Blum und später noch mit Ragni Piene sprach, Professorin für Mathematik an der Universität Oslo, schlugen allerdings beide eine etwas weniger optimistische Note an. Anfang der Woche hatte ein Treffen mit HLF-Teilnehmerinnen stattgefunden, und sowohl Blum als auch Piene hatten anhand der Erzählungen der jungen Forscherinnen festgestellt, dass sich einige Dinge wohl doch nicht so sehr geändert hatten, wie erhofft – und dass die Erzählungen der Teilnehmerinnen deprimierende Ähnlichkeit mit den Erfahrungen ihrer deutlich älteren Kolleginnen aufwiesen.

Einige mögliche Lösungsansätze für dort geschilderte Probleme würden, das ist ja nicht untypisch, männlichen wie weiblichen Studierenden zugute kommen. In Norwegen beispielsweise, so erzählt Piene, hat jeder Doktorand einen Erst- und einen Zweitbetreuer. Dass es einen Zweitbetreuer gibt, verändert die ganze Dynamik der Situation. Bei einem einzelnen Betreuer ist der Student viel stärker auf eine einzelne Person angewiesen; wird die zwischenmenschliche Beziehung problematisch – und der Sexismus eines männlichen Betreuers einer Doktorandin gegenüber ist nur eine von vielen Möglichkeiten für die Probleme, die auftreten können – verschärft sich das Problem durch die starke Abhängigkeit vom Betreuer. Wer es sich mit dem eigenen Betreuer verdirbt, dessen wissenschaftliche Laufbahn läuft nun einmal Gefahr, zu Ende zu sein, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Ein zweiter Betreuer sowohl als Schlichter als auch als Ersatzmöglichkeit für den Fall, dass es mit dem Erstbetreuer nicht klappt, und eine Kultur, in der ein Wechsel vom Erst- zum Zweitbetreuer als normaler Vorgang gesehen wird, kann solche Situationen entschärfen – und einige Doktorand/innen in der Wissenschaft halten, die bei den jetzigen Verhältnissen im schlimmsten Falle ganz aus der Wissenschaft aussteigen würden.

Zeit zum Reden

Für eine ganze Reihe der Teilnehmerinnen der HLF-Frauenrunde war dabei allein schon die Gelegenheit, in lockerer Runde Erfahrungen auszutauschen, viel wert. Einige von ihnen sind die einzigen Wissenschaftlerinnen an ihrem jeweiligen Institut; das macht die Gelegenheit, die eigenen Erfahrungen in einen breiteren Zusammenhang einordnen zu können, besonders wichtig.

Wer isoliert ist, ist immer in Versuchung, sich selbst die Schuld an den Problemen zu geben, die auftreten – vielleicht passt man ja doch einfach nicht in die Institutsgemeinschaft; vielleicht hat man nicht genug getan, um sich anzupassen, vielleicht ist man doch irgendwie selbst schuld? In solch einer Situation zu erkennen, dass man nicht alleine ist, sondern dass andere ganz ähnliche Probleme haben und dass diese Probleme Teil eines leider nur zu verbreiteten Musters sind, kann einen himmelweiten Unterschied bedeuten. Wichtig ist dazu der Bezugsrahmen, der Vergleich mit anderen, die in ähnlicher Situation sind, und solch einen Bezugsrahmen bieten Treffen wie das der Wissenschaftlerinnen beim HLF. (Bei männlichen Studenten besteht das Problem nicht in dieser verschärften Form – Selbstzweifel gibt es natürlich auch unter denen, aber da man in den meisten Fällen eben doch von vornehmlich männlichen Kommilitonen umgeben ist, wird der Bezugsrahmen automatisch mitgeliefert.)

Vor diesem Hintergrund erhoffen sich sowohl Blum als auch Piene, dass diese Art von Treffen zu einem festen Bestandteil des HLF wird. Bei anderen wissenschaftlichen Großveranstaltungen sind solche Treffen – etwa ein Women’s Lunch – längst Usus, und ein entsprechendes Format würde sich natürlich auch für das HLF anbieten. Nicht nur, um über die Probleme, sondern auch um über positive Beispiele zu reden; das war, sagt Piene, dieses Jahr leider aus Zeitgründen nicht möglich.

Zeitskalen für Veränderungen

Auch unter besten Bedingungen wird es einige Jahre dauern, bis sich das Gesicht des Heidelberg Laureate Forums verändert. Die Fields-Medaille wird beispielsweise nur alle vier Jahre verliehen. Und selbst bei jährlichen Preisen wie dem Abel oder dem Turing Award gibt es eine beachtliche Verzögerung: Die letzte Turing-Auszeichnung ging 2016 an Tim Berners-Lee, der 1994 das World Wide Web erfand; der Preis davor ging an Martin E. Hellman und Whitfield Diffie (beide sind beim diesjährigen HLF dabei) und zitiert deren bahnbrechendes Kryptographiepapier von 1976. Es wird noch eine Weile dauern, bis diese Auszeichnungen die jüngere Forschung widerspiegeln. Bei den Fieldsmedaillen sorgt zumindest die Altersbegrenzung (höchstens 40 Jahre!) für jüngere Preisträger.

Das dürfte der wichtigste Grund sein, warum beim HLF zumindest auf der Bühne zur Zeit männliche Gesichter dominieren. Die jungen Forscher, die am HLF teilnehmen, sind da schon deutlich vielfältiger; das Hot-Topic-Panel am heutigen Mittwoch dagegen war auffallend (und, da die Beschränkung auf Laureaten dort ja nicht besteht, unnötiger Weise) männlich – leider nach wie vor ein weit verbreitetes Phänomen, wie auf Twitter der hashtag #allmalepanels dokumentiert.

Es gibt also durchaus positive Veränderungen. Aber es liegt auch noch einiges an Weg vor uns. Und das ist  eine Aussage, die man dann eben doch bereits vor zwanzig oder dreißig Jahren mit denselben Worten hätte treffen können.

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