Die Laureaten

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Bao-Châu Ngô

Prof. Dr. Ngô Bao Châu, * 28. Juni 1972 in Hanoi (Vietnam)

Fields-Medaille (2010) “für seinen Beweis des Fundamental-Lemmas in der Theorie der automorphen Formen durch Einführung neuer algebro-geometrischer Methoden”

Ngô Bao Châu wurde in eine bildungsbürgerliche Familie geboren. Sein Vater ist Professor für Physik am Nationalen Vietnamesischen Institut für Mechanik. Seine Mutter ist Ärztin und Professorin an einem auf Naturheilverfahren spezialisierten Krankenhaus in Hanoi. Mit fünfzehn Jahren wechselte Ngô in eine Spezialklasse für mathematisch hochbegabte Schüler, die von der Universität in Hanoi betreut wurde. Er nahm an zwei internationalen Mathematikolympiaden teil und errang als erster vietnamesischer Teilnehmer beide Male Goldmedaillen. Nach der Schule sollte Ngô eigentlich in Budapest studieren; nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa stoppte die neue ungarische Regierung jedoch alle Stipendien für Studenten aus Vietnam. Daraufhin bot ihm die französische Regierung eine Förderung an, um in Paris das Grundstudium zu absolvieren. So kam Ngô 1990 nach Frankreich und studierte von 1992 bis 1995 an der École Normale Supérieure und der Universität Paris VI. 1997 promovierte er bei Gérard Laumon an der Universität Paris-Süd in Orsay mit einer Arbeit mit dem Titel „Le Lemme fondamentale de Jacquet et Ye”. Danach war er Chargé de Recherches des CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) an der Universität Paris-Nord. Nach der Habilitation 2003 wurde er 2004 Professor an der Universität Paris-Süd in Orsay. 2005 erhielt Ngô eine Professur in Vietnam – mit 33 Jahren als jüngster Hochschullehrer des Landes. Ab 2007 war Ngô Fellow des Institute for Advanced Study in Princeton und gleichzeitig Professor am Hanoi Institute of Mathematics. 2010 wechselte er an die Mathematische Fakultät der University of Chicago. Seit 2011 ist Ngô zudem Wissenschaftlicher Direktor des neu gegründeten Vietnam Institute for Advanced Study in Mathematics.

Ngô Bao Châu erhielt 2004 den Clay Research Award (mit Gérard Laumon), 2007 den Oberwolfach-Preis und den Sophie-Germain-Preis. Er ist Ehrendoktor der Vietnamese National University und Fellow der American Mathematical Society. 2012 wurde Ngô in die französische Ehrenlegion aufgenommen.

Das Arbeitsgebiet von Ngô Bao Châu ist die Zahlentheorie, wobei er sich besonders auf Langlands-Programm konzentriert, eine Sammlung von Vermutungen, die die Zahlentheorie, die Darstellungstheorie von Gruppen (einen Teilbereich der Algebra) sowie die algebraische Geometrie miteinander verknüpfen. Etwas genauer: Es geht darum, wie man mit einer gewissen Klasse von Abbildungen der komplexen Ebene, den so genannten automorphen Formen, Symmetrien ausdrückt, die Muster in den ganzen Zahlen wiedergeben.

Benannt ist das Langlands-Programm nach dem kanadischen Mathematiker Robert Langlands, der in den späten 1960er Jahren schuf und seitdem über Jahre hinweg erweitert hat.

Das Langlands-Programm enthält ein zentrales Werkzeug, die so genannte Selbergsche Spur-Formel, benannt nach ihrem Entdecker, dem Zahlentheoretiker Atle Selberg. Diese Formel stellt einen Brückenschlag zwischen Arithmetik und Zahlentheorie und der Geometrie dar. Damit die Spur-Formel angewendet werden kann, muss aber ein Hilfssatz, ein so genanntes “Lemma” gelten, das Langlands 1979 einführte und Jahre lang erfolglos zu beweisen versuchte. Ngô Bao Châu veröffentlichte für eine allgemeine Form dieses “Fundamental-Lemmas” — tatsächlich eines der wichtigsten Theoreme der modernen Mathematik — im Jahr 2008 einen Beweis, nachdem er zuvor bereits zusammen mit Gérard Laumon einen Spezialfall des Lemmas bewiesen hatte.