Die Laureaten

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Barbara Liskov

geboren am 7. November 1939 in Los Angeles (USA)

Turing-Award (2008) “für grundlegende Beiträge für die Praxis und Theorie des Designs von Programmiersprachen und -systemen, insbesondere in Bezug auf Daten-Abstraktion, Fehlertoleranz und verteiltes Rechnen.”

Barbara Liskov, geboren als Barbara Jane Huberman, wuchs in San Francisco auf. Ihr Vater arbeitete dort als Rechtsanwalt und ihre Mutter als Hausfrau. Ihren Bachelor erhielt sie in Mathematik an der University of California, Berkeley (1961). Anstatt sofort eine Graduiertenschule zu besuchen, begann sie, als Programiererin in der Mitre Corportation zu arbeiten, einer Organisation für Forschung in Informatik, die vor allem im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums arbeitet. Dort entdeckte sie, dass sie ein Naturtalent im Programmieren war. Nach einem Jahr bei Mitre ging sie nach Harvard, als Programmiererin in einem Projekt, in dem es um die Computerübersetzung menschlicher Sprachen ging.

In Stanford, also wieder in Kalifornien, promovierte sie dann in Informatik, mit finanzieller Unterstützung durch John McCarthys Labor, zum Teil, weil sich ihre vorherige Arbeit zur Übersetzung natürlicher Sprachen im Umfeld der künstlichen Intelligenz abgespielt hatte. 1968 erhielt sie als eine der ersten Frauen in den Vereinigten Staaten einen Doktortitel in Informatik. Ihre Doktorarbeit handelte von Schach-Endspielen; Doktorvater war John McCarthy.

Danach wechselte Liskov wieder in die Nähe von Boston, um am Mitre Software-Systeme zu erforschen. Mithilfe eines “Interdata 3″-Computers, dessen Instruktionssatz mit einem Mikrokode definiert werden kann, schuf sie die “Venus Machine”, als Hilfe bei der Erstellung komplexer gleichlaufender Software. Anschließend implementierte sie damit das Betriebssystem “Venus”, ein kleines Zeitmultiplex-System, das gleichzeitig 16 Benutzer unterstützte, um die Architektur auf Praxistauglichkeit zu testen.

Kurz nach Beendigung ihrer Experimente mit Venus stellte Liskov 1971 ihre Arbeit zum Thema auf einer Konferenz vor und wurde daraufhin gedrängt, ans MIT zu gehen. So verließ sie das Mitre und wurde am MIT Assistant Professor im Fachbereich für Elektroingenieurwissenschaften und Informatik. Bald darauf entwickelte sie zusammen mit Steve Zilles die Abstraktion von Datenstrukturen zur Konstruktion zuverlässigerer Software-Systeme, wobei sie auf ihren Erfahrungen mit Venus am Mitre aufbaute.

Am MIT leitete sie auch das Design und die Implementierung von CLU, einer Programmiersprache, die modulare Programmierung, Datenabstraktion und Polymorphismus erlaubte. Diese Konzepte sind die Grundlage des objektorientierten Programmierens, das in modernen Programmiersprachen wie Java und C# verwendet wird. Später erfand sie das Subtyping, auch als “Liskovs Substitutions-Prinzip” bekannt, und formalisierte dieses Konzept in Zusammenarbeit mit Jeannette Wing.

Liskov konzentrierte sich in ihrer Arbeit anschließend vor allem auf verteilte Systeme, die auf Computern laufen, die über ein Netzwerk wie das Internet miteinander verknüpft sind. Ihre Gruppe am MIT schuf unter anderem die Sprache Argus, die die Ideen aus CLU erweiterte, um das Implementieren von Programmen für Computernetzwerke zu erleichtern; ein Beispiel sind Netzwerk-basierte Bank-Systeme. In ihrer Forschung behandelte sie dabei viele unterschiedliche Themen, etwa objektorientierte Datenbank-Systeme, Speicherbereinigung und Sicherheit. Besonders wichtig ist ihre Arbeit über Replikationsprotokolle, mit der eine Gruppe von Maschinen zuverlässig Dienste anbieten kann, selbst, wenn einzelne Mitglieder der Gruppe ausfallen. In den 1980er Jahren entwickelte sie zusammen mit Brian Oki die “viewstamped replication”, ein Protokoll, mit dem eine Gruppe sogar Crashes ihrer Mitglieder überleben kann. Und in den 1990er Jahren entwickelte sie zusammen mit Miguel Castro das erste effiziente Protokoll, mit dem man das Überleben der Gruppe sogar dann sichern kann, wenn die kaputten Maschinen sich willkürlich verhalten (das sind die so genannten “Byzantinischen Ausfälle”).

Liskov ist derzeit Institutsprofessorin am MIT, die höchste Auszeichnung für ein Fakultätsmitglied am MIT. Sie hat viele Ehrungen für ihre wissenschaftlichen Leistungen erhalten. 1996 erhielt sie den Achievement Award der Society of Women Engineers, 2003 kam sie im Discovery Magazine unter die 50 wichtigsten Frauen in der Wissenschaft. 2004 erhielt sie die John von Neumann Medaille der IEEE. 2007 wurde sie mit der Programming Languages Lifetime Achievement Award des ACM ausgezeichnet. Sie ist ein Fellow des ACM und Mitglied der National Academy of Engineering, der National Academy of Sciences sowie der American Academy of the Arts and Sciences.

Liskov ist mit Nathan Liskov verheiratet. Sie haben einen Sohn, Moses, der ebenfalls in Informatik promoviert ist. Zu ihren Hobbies zählen Lesen, Gartenarbeit und Vogelbeobachtung.