Die Laureaten

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Ivan Sutherland

geboren am 16. Mai 1938 in Hastings, Nebraska (USA)

Turing-Award (1988) „für seine Vorreiterrolle und weitsichtigen Beiträge zur Computergraphik, allen voran Sketchpad und weiteren Ideen.“

Sutherland zeigte bereits zur Schulzeit ein großes Interesse an Computern; so schrieb er für den einfachen Relais-gesteuerten Rechner SIMON, der Zahlen bis 15 addieren konnte, ein Programm, mit dem SIMON dividieren konnte. Er entstammt einer Familie mit Interesse an technischen Fächern: sein Vater war ein promovierter Bauingenieur, der größere Dämme konstruierte, darunter den am Snake-River in Idaho. Seine Mutter war als Erzieherin tätig, sowohl für ihre eigenen Kinder als auch für Schüler im Ort, die Nachhilfe benötigten.

Ab 1955 studierte Sutherland Elektrotechnik am Carnegie Institute of Technology, USA (Bachelor of Science 1959) und anschließend am California Institute of Technology (Master of Science 1960). Sein Promotionsstudium absolvierte er am Massachusetts Institute of Technology Lincoln Laboratory (Ph.D. 1963). Für zwei Jahre diente er im Militär, angegliedert an das U.S. Department of Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), wo er das erste Informatik-Forschungsprogramm der USA leitete. Nachdem er DARPA verlassen hatte, wurde er Associate Professor für Elektrotechnik an der Harvard University (1965-1968) und anschließend Professor für Informatik an der University of Utah (1968-1976), um schließlich die Fletcher Jones Professur und die Leitung des Departments für Informatik am California Institute of Technology (1976-1980) zu übernehmen.

Gleichzeitig gründete Sutherland mehrere Unternehmen. 1968 schuf er zusammen mit seinem Kollegen David C. Evans die Evans & Sutherland Computer Corporation (E&S) in Salt Lake City. E&S stellte Display-Hardware her, mit der sich in Echtzeit bewegte dreidimensionale Bilder zeigen ließen. Die Produkte von E&S wurden vielfach in Luftfahrt-Simulationen beim Training von Piloten genutzt. 1980 gründete er zusammen mit seinem älteren Bruder William (Bert) Sutherland und seinem ehemaligen Studenten Robert Sproull die Drei-Mann-Beraterfirma Sutherland, Sproull and Associates (SSA). Sun Microsystems kaufte SSA im Jahre 1991, um daraus ihr Forschungslabor zu entwickeln. Sutherlands älterer Bruder wurde der Leiter des Labors und damit Sutherlands Chef. Sutherland wurde technischer Fellow und stellvertretender Direktor von Sun, bis er 2009 nach Portland, Oregon zog. Heute arbeitet er an der Portland State University, im Asynchronous Research Center (ARC), das er zusammen mit Marly Roncken, seiner Technologie-Partnerin und Gattin gegründet hat. Sutherland hat zwei Kinder und vier Enkel.

Ivan Sutherlands Doktorarbeit trug den Titel Sketchpad: A Man-machine Graphical Communications System. Sketchpad war das erste interaktive Zeichenprogramm und stellte eine Pionierarbeit auf dem Gebiet der grafischen Benutzeroberflächen dar. Es lief auf dem damals mächtigsten Computersystem der Welt, dem Lincoln Laboratory TX-2. Der TX-2 hatte ein graphisches Display und einen Lichtgriffel (die Maus war noch nicht erfunden). Der Lichtgriffel erlaubte es dem Nutzer, auf Objekte auf dem Schirm zu zeigen und sie nach Belieben zu bewegen. Sketchpad öffnete den Blick auf das Potenzial der Computergraphik, mit dem heute all jene vertraut sind, die Maus und Bildschirm verwenden. Sutherland entwickelte für Sketchpad Datenstrukturen zu Speicherung, Abruf und Modifizierung der Zeichnungen auf dem Bildschirm. Diese Datenstrukturen nahmen vorweg, was in den modernen objektorientierten Computersprachen üblich ist. Mit seiner Software konnte man in das Bild hineinzoomen und Objekte skalieren und bewegen. In Harvard setzte Sutherland seine Arbeit in der Computergraphik fort. Hier baute er das erste kopfgestützte Display-System, mit dem Nutzer völlig in die Bilder eintauchen, die sie umgeben. Später wurde diese Art von Display „virtuelle Realität“ getauft.

Obschon er weithin für seine Arbeit in der Computergraphik berühmt ist, hat Sutherland auch auf weiteren, wenn auch weniger bekannten Gebieten Beiträge geliefert. Ab 1976 gab er die Computergraphik auf, um am Caltech mit Carver Mead integrierte Schaltkreise zu entwickeln. In nur wenigen Jahren erschloss die Forschungsgruppe am Caltech das Design von integrierten Schaltkreisen – bis dato eine Kunst, die nur an einigen kommerziellen Firmen betrieben wurde – der akademischen Forschung. Sutherlands Buch Logical Effort von 1999 zeigte, wie sich schnelle Schaltkreise mit Hilfe einfacher physikalischer Prinzipien konstruieren lassen. Sutherlands Rede anlässlich der Verleihung des Turing-Preises 1988 mit dem Titel „Micropipelines“ lenkte das breite Interesse auf das Design von selbstauslösenden Schaltkreisen, ein Gebiet, das bis heute nicht an Interesse verloren hat. Er ist einer der führenden Verfechter des selbstauslösenden oder „clockless“ Schaltkreisdesigns und glaubt, dass solche Designs eines Tages zwangsläufig die heutigen weithin verwendeten getakteten Designs ablösen werden – wegen ihrer größeren Flexibilität. Die sehr schnellen Schaltkreise der Zukunft müssen selbstauslösend sein. Nur so kann man es umgehen, die physikalische Realität zu verletzen, der zufolge Gleichzeitigkeit über physikalische Distanzen hinweg schlicht nicht möglich ist.