Die Laureaten

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Shing-Tung Yau

Prof. Dr. Shing-Tung Yau, * 4. April 1949 in Kwuntung (China)

Fields-Medaille (1982) für seine Beiträge zur Theorie von Differentialgleichungen, für den Beweis der Calabi-Vermutung in der algebraischen Geometrie, für den Beweis des Positive-Energie-Theorems in der allgemeinen Relativitätstheorie (mit Richard M. Schoen) sowie für seine Arbeiten zu den reellen und komplexen Monge-Ampère-Gleichungen (Algebraische Geometrie, Mathematische Physik)

Shing-Tung Yau ist das fünfte von insgesamt acht Kindern, sein Vater war ein Professor, der Philosophie, Wirtschaftswissenschaften und chinesische Geschichte lehrte. Im Jahr von Yaus Geburt übernahmen die Kommunisten in China die Herrschaft, und seine Familie floh nach Hong Kong. Sein Vater fand zwar eine Anstellung in einem College, das Gehalt war jedoch so gering, dass die Familie in einem Haus ohne Elektrizität und fließendes Wasser leben musste. Inspiriert von seinem Vater, der starb, als Yau 14 Jahre alt war, studierte er Mathematik am Chung Chi College in Hong Kong. Noch vor seinem Abschluss eröffnete ein Stipendium von IBM ihm die Möglichkeit, 1969 an die University of California, Berkeley, zu gehen. Betreut von Shiing-Shen Chern schrieb er dort seine Doktorarbeit (Ph.D. 1971). Nach seinem Abschluss war Yau ein Jahr am privaten Institute for Advanced Study in Princeton tätig. 1972 wurde er Assistant Professor an der State University of New York in Stony Brook. 1974 ging Yau als Associate Professor an die Stanford University, 1978 wurde er Full Professor. Danach ging er als Professor an das Institute for Advanced Study zurück (1980-1984). Yau wechselte 1984 auf einen Lehrstuhl an der University of California in San Diego. 1987 wurde er Professor an der Harvard University (bis heute). Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit ist Yau sehr an der Weiterentwicklung der mathematischen Ausbildung in China interessiert und unterstützt dort mehrere Modell-Projekte. In seiner Freizeit liest er gerne Romane, Gedichte und reist. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Shing-Tung Yau ist Träger von zehn Ehrendoktorwürden und Mitglied der National Academy of Sciences (1993), der chinesischen (1995) und der russischen (2003) Akademien der Wissenschaften, der italienischen Accademia dei Lincei (2005) sowie der indischen Akademie der Wissenschaften (2008). Er ist Fellow der American Association for the Advancement of Science (1993) und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences (1982). Zudem hat Yau zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Crafoord Preis der Schwedischen Akademie der Wissenschaften (1994), die National Medal of Science der USA (1998) und den Humboldt-Preis (1991).

In den 1970er Jahren begann der Physiker Shing-Tung Yau bestimmte mathematische Objekte genauer zu untersuchen, deren Existenz der Mathematiker Eugenio Calabi bereits in den 1950er Jahren vermutet hatte. Es ging um so genannte komplexe Mannigfaltigkeiten, Objekte in komplexen Räumen vieler Dimensionen, die aus der Nähe wie eine (hochdimensionale) komplexe Zahlenebene erscheinen. Dabei hatte er die Existenz einer gewisse Klasse Mannigfaltigkeiten vermutet.

Während Calabi die Mannigfaltigkeiten aus rein mathematischer Sicht betrachtet hatte, war Yau bei seiner Beschäftigung mit Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie darauf gestoßen. Einstein hatte gezeigt, dass die gravitative Anziehung von Massen ihre Entsprechung (und ihre Erklärung) in einer Krümmung der vierdimensionalen Raumzeit finden kann. Yau fragte sich nun, ob auch der leere Raum gekrümmt sein kann und also eine Gravitation besitzen kann, und zwar ohne, dass sich im Raum ein Schwarzes Loch gebildet hat, also ohne Singularitäten. Zudem sollten die Räume, die er betrachtete, auch kompakt und abgeschlossen sein. Unter anderem für die Entdeckung, dass solche Räume tatsächlich existieren  –  heute werden sie Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten genannt  –  erhielt Yau die Fields-Medaille.

Heute spielen diese Räume eine wichtige Rolle in der Stringtheorie; einige “Geschmacksrichtungen” der Stringtheorie gehen von einer Welt in zehn Dimensionen aus: Vier Dimensionen für Einsteins Raumzeit und sechs Dimensionen, die in jedem Punkt in kleinen Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten “aufgerollt” sind.