Die Laureaten

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Srinivasa S. R. Varadhan

geboren am 2. Januar 1940 in Chennai (Indien)

Abel-Preis (2007) „für seine fundamentalen Beiträge zur Wahrscheinlichkeitstheorie, insbesondere für die Schaffung einer allgemeinen Theorie der großen Abweichungen.“

Srinivasa Varadhan – mit vollem Namen Sathamangalam Ranga Iyengar Srinivasa Varadhan, von Freunden und Kollegen Raghu genannt –, wuchs bei Chennai (Madras) an der Ostküste im Süden Indiens auf; sein Vater arbeitete als Lehrer für Naturwissenschaften und Englisch an einer Highschool. In der Schule übersprang S.R.S. Varadhan mehrere Klassen und fand besondere Freude an der Beschäftigung mit mathematischen Rätseln und Aufgaben. Nach dem Schulabschluss 1954 und zwei Jahren an einem Junior College studierte er Statistik am Presidency College der University of Madras in Chennai (Bachelor of Science 1959, Master of Science 1960), ursprünglich mit dem Ziel, als Statistiker in die Industrie zu gehen. Freunde überzeugten ihn jedoch, in die reine mathematische Forschung zu gehen, und so promovierte er anschließend am Indian Statistical Institute in Kalkutta bei Calyampudi Radhakrishna Rao über Convolution Properties of Distributions on Topological Groups (Ph.D. 1963); einer der Gutachter seiner Doktorarbeit war der namhafte Wahrscheinlichkeitstheoretiker Andrei Kolmogorov. 1963 ging er in die USA, um am Courant Institute of Mathematical Sciences der New York University, USA als Postdoc, wissenschaftlicher Mitarbeiter und außerordentlicher Professor zu forschen und zu lehren (1966-1972); 1972 erhielt er eine volle Professur. Zwischen 1980 und 1984 und von 1992 bis 94 leitete er das Courant-Institut auch. S.R.S. Varadhan hielt auch mehrere Gastprofessuren, unter anderem an der Stanford University, USA (1976/77), am Mittag-Leffler-Institut in Stockholm, Schweden (1972) und am Institute for Advanced Study in Princeton, USA (1991/92). Er ist Autor zahlreicher Lehrbücher auf dem Gebiet der Diffusionsprozesse und der Wahrscheinlichkeitstheorie im Allgemeinen.

1996 erhielt er zusammen mit Daniel Stroock den Leroy P. Steele Prize der American Mathematical Society und er wurde zudem vielfach ausgezeichnet. Die indische Regierung ehrte ihn mit dem Preis von Padma Bhushan und die US-amerikanische Regierung verlieh ihm die National Medal of Science. Er geht gerne auf Reisen, spielt regelmäßig Tennis und ist mit Vasundara verheiratet, die Medien und Kommunikation an der New York University lehrt. Beide haben heute einen Sohn und drei Enkelkinder. Ihren zweiten Sohn verloren sie am 11. September 2001, als dieser im World Trade Center arbeitete.

Die Wahrscheinlichkeitstheorie, das Gebiet, auf dem S.R.S. Varadhan arbeitet, beschäftigt sich mit der mathematischen Analyse von zufälligen Prozessen. Er ist an zwei großen Bereichen der Wahrscheinlichkeitstheorie besonders interessiert. Das eine betrifft Diffusionsprozesse, mit denen man ursprünglich beschreiben wollte, wie sich Gasteilchen zerstreuen. Im Allgemeinen geht es um Systeme von stochastischen Differentialgleichungen, also Gleichungen, die die zeitliche und räumliche Veränderung eines Systems beschreiben und in denen der Zufall eine Rolle spielt. Sein zweites wichtiges Forschungsgebiet ist seine Theorie der großen Abweichungen, für die er auch den Abelpreis erhielt. Was sind große Abweichungen? Nehmen wir an, wir würfeln. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/6 werden wir beim ersten Wurf eine Sechs werfen. Für zwei Sechsen hintereinander beträgt die Wahrscheinlichkeit 1/62, für drei Sechsen hintereinander beträgt sie 1/63 und so weiter. Nach unendlich vielen Würfen erwartet man, im Mittel 3,5 geworfen zu haben, denn je 1/6 aller Würfe liefert eine der Zahlen 1 bis 6. Doch es ist durchaus möglich (wenn auch sehr unwahrscheinlich), auch nach vielen Würfen ausschließlich Sechsen geworfen zu haben – ein Ergebnis, das sehr vom Durchschnitt von 3,5 abweicht. Die Theorie der großen Abweichungen berechnet die Wahrscheinlichkeit für solche Ausnahmeereignisse, was im Allgemeinen eine Aufgabe ist, die viel schwieriger ist als die Berechnung eines Erwartungswertes nach unendlich vielen Würfen, und sehr viel näher an den realen Bedürfnissen von Wissenschaft und Wirtschaft. So spielt die Theorie der großen Abweichungen eine wichtige Rolle bei der Beschreibung einer Vielzahl von realen Prozessen, in denen der Zufall eine Rolle spielt, etwa der Quantentheorie, der statistischen Physik, der Bevölkerungsentwicklung, in der Finanzwirtschaft und anderen Gebieten.