Die Laureaten

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Fernando J. Corbato

geboren am 1. Juli 1926 in Oakland, Kalifornien (USA)

Turing-Award (1990) für „seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Computersysteme CTSS und Multics, die es mehreren Nutzern ermöglichen, auf Zeit und Ressourcen eines großen, universellen Rechners arbeitsteilig zuzugreifen”

Corbato, der von Freunden und Kollegen nur „Corby” genannt wird, entstammt einem akademischen Elternhaus: Mutter und Vater lernten sich als Studenten am spanischen Institut der University of California in Berkeley (UCB) kennen. Fernando wurde geboren, nachdem seine Mutter den Master abgelegt hatte; sein Vater arbeitete noch an der Doktorarbeit. Als sein Vater 1932 den Doktortitel erworben hatte, zog die Familie an die University of California in Los Angeles (UCLA), wo der Vater eine Laufbahn als Professor für spanische Literatur begann. Im Zweiten Weltkrieg trat Corbato in die Marine ein, wo er eine einjährige Ausbildung an Radar- und elektronischen Systemen der Navy erhielt. Dieses technische Wissen bildete eine solide Basis für seine späteren Kurse in Physik am California Institute of Technology (B.S. 1950). Während seiner Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) war Corbato einer der ersten, der zum Studium der Molekül-Physik Großcomputer einsetzte (Ph.D. 1956). Er war fasziniert von dieser Technik und begann seine akademische Karriere im neu geschaffenen Computerzentrum des MIT.

Fernando Corbato ging das Problem am MIT in den frühen 1960er Jahren mit seinem “Compatible Time Sharing System” (CTSS) an. In einer ersten Vorführung des Systems starteten vier Nutzer ihre Programme an einem IBM 709 – einem Großrechner mit Röhren – und legten sie dann auf Eis. Der Zwischenstand wurde dann auf Magnetbändern gespeichert. So wurde es möglich, alle vier Nutzer gleichzeitig zu bedienen. In einer späteren Form konnte CTSS 24 gleichzeitige Nutzer bedienen und verwendete Platten- und Trommelspeicher für die Speicherung des Zwischenstandes auf einem IBM 7094, dem transistorierten Nachfolger der IBM 709. Die Mitarbeiter konnten sich nun von ihren Büros aus über eine Telefonleitung mit dem Rechner verbinden und ihre Programme in der Ferne rechnen lassen, wobei der Computer die Rechenzeit auf die verschiedenen Nutzer aufteilte. Das CTSS-Projekt führte direkt zur Entwicklung des Multics-Systems auf einem GE-645-Rechner, ein Teil des Projektes Mac. Corbato war der erste Leiter bei der Entwicklung von Multics und die Hauptideen für Multics gingen in das Betriebssystem UNIX ein, das 1969 von Ken Thompson und Dennis Ritchie entwickelt wurde und heute als Linux auf PCs eine weite Verbreitung findet. (Thompson und Ritchie waren 1983 ebenfalls Turing-Preisträger.)

In den letzten Jahren genoss Corbato Wanderungen und fuhr gerne Fahrrad und Ski. Seine Frau Emily ist eine ausgebildete Pianistin und Fotografin. Als sie 1975 heirateten, brachten sie jeweils zwei Kinder aus früheren Ehen in die Ehe ein und bildeten eine Patchwork-Familie.